• Tina Koch

Luxemburger Wort 05.02.2021


Die Vertreter der Krankenpfleger beschreiben die Situation in den Altersheimen während der Pandemie und sparen nicht an Kritik am Familienministerium.


Dass ältere Menschen in der Covid-19-Pandemie besonders gefährdet sind, ihre Immunkraft schwächer ist und sie aufgrund von Mehrfacherkrankungen vulnerabler sind, ist bekannt. Gerade deswegen brauchen sie ein besonderes Augenmerk. Eine umfassende Begleitung des Langzeitpflegebereichs in den Alten- und Pflegeheimen wäre dringend notwendig. Welche speziellen Schutzmaßnahmen im Altenpflegebereich getroffen wurden und wer wofür zuständig ist, ist allerdings schwer ersichtlich.


Das Gesundheitsministerium verweist bei Fragen an das Familienministerium. Familienministerin Corinne Cahen (DP) hingegen sagt, es handele sich um eine sanitäre Krise und das Gesundheitsministerium habe die Führung. Da jedes Haus anders sei, machten nationale Regeln keinen Sinn. Die Verantwortung liege bei den einzelnen Direktionen, denen sie mit Rat zur Seite stehe.

Doch die Situation vor Ort ist offensichtlich alles andere als einfach. Es fehle hinten und vorne an Unterstützung, sagen diejenigen, die täglich mit den Pflegebedürftigen zu tun haben.

Ende des Jahres wandte sich die Association Nationale des Infirmières et Infirmiers du Luxembourg (Anil) mit einer Wunschliste an die Öffentlichkeit und forderte unter anderem: Fachliche Unterstützung beim Ausarbeiten von Notfallplänen, wenn zu viele Bewohner erkranken oder zu viel Personal ausfällt; Checklisten, was in einer Covid-Einheit gebraucht wird und Prozeduren, wie man so eine Einheit am besten organisiert; eine Zusammenfassung wissenschaftlicher Empfehlungen für den Langzeitpflegebereich; Material und finanzielle Unterstützung, um die Strukturen dem Virus anzupassen; ausreichend Schutzmaterial wie FFP2-Masken, Mundschutz oder Handschuhe und eine Pflegedirektion im Familienministerium, die als Ansprechpartner dient und in Entscheidungen eingebunden wird.


Keine Spezialisten in Langzeitpflege


All das existiere nicht. „Und wenn es existiert, werden keine Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt“, sagen Anil-Präsidentin Anne-Marie Hanff und Anil-Generalsekretärin Tina Koch im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“.


„Die Pflege muss permanent an die Lage angepasst, die Situation und deren Auswirkungen ethisch abgeschätzt werden. Dafür braucht es Spezialisten in der Pflege, die den Häusern aber nicht zur Verfügung gestellt werden. Sie könnten die Situation mit etwas Abstand reflektieren und geeignete Lösungen finden“, erklärt Hanff.


Obwohl sie im Budget nicht vorgesehen sind, hätten einige Häuser auf eigene Initiative und auf eigene Kosten solche Spezialisten eingestellt. Die Anil-Verantwortlichen sind der Ansicht, dass auch das Familienministerium eine beratende Rolle bei Konzepten zur Pflege chronisch kranker Menschen während der Pandemie hätte spielen müssen.


Nationale Richtlinien für den Umgang mit dem Virus wurden zwar vom Gesundheitsministerium herausgegeben und die Santé bot auch Beratung an. Was fehlte, war aber die Unterstützung bei der Umsetzung.


Direktionen mussten sich alleine durchschlagen


Die Ärzte aus der Gesundheitsdirektion, die die Runde durch die Alten- und Pflegeheime (Cipa) machten und beraten wollten, waren dort offenbar nicht besonders gerne gesehen. „Auch wenn sie es gut meinten und helfen wollten, wurde ihre Präsenz als Kontrolle vonseiten der Gesundheitsdirektion empfunden. Eigene Fachleute aus dem Familienministerium hätten eine ganz andere Akzeptanz gehabt“, gibt Hanff zu bedenken.


Laut den Richtlinien des Ministeriums müssen positiv getestete Personen isoliert werden. Im Falle eines Kontakts muss eine Quarantäne erfolgen. Die Richtlinien legten fest, was ein enger Kontakt ist und wie man sein Personal schützt. „Diese Richtlinien trafen aber auf Direktionsbeauftragte, die keine Experten in der Materie sind, und Verantwortung für vieles andere übernehmen mussten. Sie mussten sich alleine durchschlagen und haben ihr Bestes getan – oft mit 12-13 Stunden-Tagen an sieben Tagen in der Woche“, so Koch.


Die Direktionen mussten sich alleine durchschlagen – oft mit 12-13 Stunden-Tagen an sieben Tagen in der Woche.

-Anne-Marie Hanff


Als Beispiel berichtet Koch von ihrem Alltag als Hygieneexpertin. „Wir haben Covid-Einheiten eingerichtet: Einen Flügel geschlossen und dort die Infizierten gruppiert, damit sie während der 17-tägigen Isolierung nicht in den Zimmern bleiben mussten und relativ normal leben konnten. Sie wurden betreut und bekamen gemeinsame Aktivitäten angeboten. Sie durften halt nur nicht in ihren Wohnraum.


Diese Idee haben wir zusammen mit unserer ausgebildeten Hygienikerin entwickelt, für die es der einzige humane und ethisch korrekte Weg war. Es war nicht einfach, das der Direktion zu erklären, weil der Umzug Manpower kostete. Aber für die Bewohner war es der beste Weg.“


Noch immer Bewohner im Zimmer eingesperrt


Wie viele Häuser es so gemacht haben, weiß die Anil nicht. „Wir hören immer wieder von Pflegern, dass die Infizierten in ihren Zimmern bleiben müssen.“ Das Konzept wurde Koch zufolge später vom Dachverband der Pflegedienstleister (Copas) weiter verbreitet, weil einzelne Häuser von ihren guten Erfahrungen berichteten: Die Infektionsketten wurden gestoppt und das Personal war beruhigt.


„Auch wir hatten als Personal mit so einer Pandemie ja noch nie zu tun und es gab viele Ängste“, erzählt Koch. „Wir wurden gefragt, wer mit den Positiven arbeiten will. Diese Freiwilligen bekamen eine kurze Ausbildung und wussten, dass sie zu 100 Prozent konzentriert arbeiten mussten.“


Mit Ängsten alleine gelassen


Die Einrichtung dieser Covid-Einheit nahm allen anderen Pflegekräften ihre Ängste, die dann entstehen, wenn man nicht sicher weiß, ob man es mit einem Infizierten zu tun hat oder nicht. Denn die Arbeit als Pflegekraft ist mit viel Körperkontakt verbunden. „Ich gehe von einem zum anderen Bewohner und weiß, dass ich mich nicht umziehen und schon gar nicht duschen gehen kann. Ich kann mir also nie zu 100 Prozent sicher sein, die Infektion nicht doch von einem Zimmer ins nächste verschleppt zu haben.“


Diese Ängste konnte dem Personal Anne-Marie Hanff und Tina Koch zufolge dort nicht genommen werden, wo die Häuser sich keine Hygienefachkräfte leisten können. „Ich gebe nicht den Direktionsbeauftragten die Schuld. Sie sind keine Experten in der Materie. Die Ministerin hätte mit Experten die Direktionen unterstützen müssen. Sie sind häufig selbst keine Pflegeberufler und haben deshalb auch kein Expertenwissen in der Materie“, betont Hanff.


Die Ministerin hätte mit Experten die Direktionen unterstützen müssen.

-Tina Koch


Die Führungskräfte spielen allerdings eine wichtige Rolle in der Unterstützung der Pflegenden. Sind sie selber ängstlich, überträgt sich das auf das ganze Personal. Ein Beispiel dazu aus der häuslichen Krankenpflege: Das Gesundheits- und Pflegepersonal habe sich nicht mehr getraut, im Auto zu essen, „weil sie dachten, das ganze Auto wäre infiziert, nur weil sie eingestiegen sind. Solche Ängste entstehen, wenn kein Experte da ist, der die fachliche Führung übernimmt und durch Gespräche und Aufklärung dem Team die Angst nimmt“, sagt Koch.


Beratung und Begleitung fehlte


Die Langzeitpflege sei während der Krise häufig benachteiligt worden, beklagt die Anil. Während Hygienefachkräfte aus den Krankenhäusern Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Medizinern und Fachleuten aus dem Gesundheitsministerium hatten, bei denen sie sich mit Problemen melden konnten, lief es laut den Anil-Verantwortlichen beim Personal in den Altenheimen anders: Pflegekräfte mussten sich an ihre jeweilige Hierarchie richten.


Diese hatten aber nur wenige Experten zur Hand und auch das Familienministerium war keine Hilfe. Und während die Hygienefachkräfte beziehungsweise die Pflegedirektionen der Spitäler in der Cellule de crise mit am Tisch saßen, war die Langzeitpflege dort wenig eingebunden. „Das hat zu viel Unsicherheit und hoher Belastung geführt“, erklärt Hanff.


Der Copas wurde nun zwar Unterstützung zugesagt, aber während in jedem Spital mindestens eine Hygienefachkraft arbeitet, wird nun dem ganzen Langzeitpflegesektor gerade einmal eine Hygienefachkraft zugestanden – ein Hohn. Beratung und Begleitung fehlte beispielsweise auch bei der Einrichtung der Besucherzimmer.


Angaben, wie nah man sich mit und ohne Plexiglasscheibe kommen darf, gab es offenbar nicht. Also haben die Häuser es so gemacht, wie sie es für richtig hielten. Probleme gab es auch bei den IT-Systemen zur Unterstützung der Kommunikation mit den Angehörigen. „Kleine Häuser waren dafür nicht eingerichtet. Sie konnten auch keinen Informatiker einstellen und wenn doch, sind diese nicht von heute auf morgen verfügbar. Auch damit wurde das Gesundheitspersonal vom Familienministerium alleingelassen“, sagt Koch.


Familienministerin Corinne Cahen nicht präsent


Die Anil ist der Meinung, dass die Ministerin mit Experten in den Häusern hätte präsent sein und die Direktionen unterstützen müssen. Jedes Haus hat andere Probleme und einen anderen Wissensstand, gerade deswegen wäre eine Unterstützung hilfreich gewesen. Die Direktionen mit der Verantwortung allein zu lassen, sei eine schwere Bürde gewesen – vor allem, weil es sich um ein neuartiges Virus handelt, das keiner kennt, findet die Anil.


Die Häuser waren in Panik und Stress. Sie hatten mit Familien zu tun, die vor Sorge außer sich waren. Personal ist ausgefallen, weil es infiziert war oder aus Angst nicht mehr zur Arbeit kommen wollte. Sie mussten Material besorgen und waren mit so vielen Problemen befasst – da hätte es Hilfe aus dem Ministerium gebraucht, weil man teils die Lösungen gar nicht mehr sah“, sagt Koch.


„Die Häuser bekamen alles ab und hatten niemanden, an den sie den Druck weitergeben oder bei dem sie sich Hilfe holen konnten. Eine Direktionsbeauftragte hat mir neulich noch gesagt, dass sie am liebsten alles hinschmeißen würde.


Schnelltests sind kein Lichtblick


Die Häuser mussten ihre eigenen Notfallpläne erarbeiten, falls es zu hohen Personalausfällen und hohen Infektionszahlen kommen sollte. „Sie bekamen es zwar hin, aber vonseiten des Ministeriums gab es keinerlei proaktives Denken“, erzählt Hanff.


Deswegen wünscht sich die Anil einen Chief Nursing Officer, der für die Pflegepolitik in den Altenheimen und die Gesundheitsberufe dort zuständig ist. Alternativ könnte die Pflege chronisch Kranker außerhalb der Spitäler wieder zur Kompetenz des Gesundheitsministeriums werden. „Deswegen unser Wunschbrief. Wir wollten wissen: Wer kümmert sich um was, wer ist unser Ansprechpartner für welches Problem? Wo sollen wir anklopfen?“


Im Stich gelassen fühlt sich das Pflegepersonal auch bei den Schnelltests, weil den Angehörigen versprochen wurde, dass dadurch Besuche ermöglicht werden. „Es sind Tests, die in der Nase gemacht werden müssen. Die wenigsten Häuser führen ihre PCR-Tests aber selber durch und wenn, dann entnehmen sie Proben im Rachenbereich.“


Die mangelnde Erfahrung erschwere die Anwendung und die Schnelltests sind ohnehin nicht empfohlen bei Personen über 65 Jahren, sind auch nicht zu 100 Prozent zuverlässig, vor allem wenn die Personen asymptomatisch sind. „Die Ministerin versteckt sich hinter den Schnelltests und wir müssen den Familien erklären, dass sie nur eine minimale Sicherheit bieten, aber keine Garantie. Sie wurden als Lichtblick dargestellt, sind aber keiner. Uns hat das verärgert.


Impfung des Personals vor Ort nicht zu machen


Dasselbe Muster zeigt sich jetzt bei den Impfungen. Als die Impfbereitschaft beim Pflegepersonal nur bei gut 40 Prozent lag, weil es schwierig war, bei der hohen Arbeitsbelastung und den familiären Verpflichtungen ins Impfzentrum nach Limpertsberg zu fahren, wurde beschlossen, das Pflegepersonal vor Ort zu impfen – wie in den Spitälern.


„Die mobilen Impfmannschaften bringen den Impfstoff mit, kümmern sich um den administrativen Teil und bieten eine ganz wichtige Hilfe. Aber die Häuser müssen einen Teil des Impfpersonals stellen und die Ärzte für die Aufklärung und Überwachung auftreiben. Nicht jedes Haus kann genug Personal dafür aufbringen“, berichtet Koch.


„Es klang gut, als es hieß, auch das Personal werde nun vor Ort geimpft. Mehr als ein Drittel schaffen wir aber organisatorisch gar nicht. Die anderen müssen weiterhin ins Impfzentrum fahren.” Darüber hätte man sich von Anfang an Gedanken machen müssen.


Als Anregung, was den Häusern auch helfen könnte, weisen die beiden Krankenpflegerinnen darauf hin, dass es ganz sicher wissenschaftliche Hilfestellungen oder Best practices zur Versorgung älterer Leute in solchen Situationen gibt. Sie könnten vom Familienministerium in einem Newsletter verschickt werden. Auch Ernährungsberater, die sich mit auf die Erkrankten angepassten Speisen auskennen, hätten so eine Plattform, ihre Tipps weiterzugeben.


https://www.wort.lu/de/politik/alters-und-pflegeheime-im-stich-gelassen-601c4273de135b9236394c46


22 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen