• Tina Koch

Lëtzebuerger Journal 15.06.2020

Aktualisiert: 10. Juli 2020



Am heutigen Montag ist der Welttag der Vereinten Nationen gegen die Misshandlung älterer Menschen. Sie hat viele Gesichter: Von psychischer und körperlicher Misshandlung über finanzielle Ausbeutung und sexuellem Missbrauch bis hin zu Vernachlässigung. In Luxemburg wirft das CID | Fraen an Gender in einer mit der Stadt Luxemburg gemeinsam organisierten Web-Konferenz an diesem Mittwoch ein Licht auf strukturelle Gewalt in der Pflege. Wir haben mit Tina Koch über das Thema gesprochen. Sie ist „Infirmière psychiatrique“ und Generalsekretärin der „Association Nationale des Infirmier(e)s Luxembourgeois(es)“, sowie Präsidentin der Sektion „Equality“ des OGBL, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt.

„Wir möchten mit dieser Konferenz ein Tabuthema ansprechen. Denn es wird viel zu wenig über die Bedingungen reflektiert, welche Gewalt im Pflegealltag begünstigen. Ich spreche hier nicht unbedingt von physischer Gewalt, die natürlich absolut unzulässig ist, sondern von vielen kleinen Dingen, welche die zwischenmenschlichen Beziehungen auf Augenhöhe zwischen Pflegepatienten und Pflegepersonal beeinträchtigen. Es gibt Regeln, sowohl gesetzlicher Natur wie auch intern in den Pflegeeinrichtungen, die das begünstigen. Wenn dem Pflegepatienten etwa vorgeschrieben wird, was er wann essen oder anziehen muss, ist das ein Eingriff in die Freiheiten und die Gewohnheiten des Patienten.

Oft sind die Tage aber völlig durchgetaktet, was natürlich auch mit dem starken finanziellen Druck zu tun hat, der auf den Pflegestrukturen lastet, sowie mit dem chronischen Mangel an Fachpersonal. Es bleibt zu wenig Zeit, sich um den Patienten zu kümmern und das führt dann zu Unzufriedenheit sowohl bei dieser Person als auch bei den Pflegern, die manchmal schon durch schlechte Arbeitspläne belastet sind, die es ihnen schwer machen, sich um die eigene Familie zu kümmern.

Wie soll man da die 100 Prozent geben können, welche die Pflegearbeit erfordert? Frust und Müdigkeit bringen Fehler mit sich. Das sind schon ganz kleine Dinge, wie die Art und Weise wie mit dem Patienten gesprochen wird, wie man ihm beim Anziehen hilft oder ihn mit seinem Rollstuhl an seinen Platz am Esstisch fährt. Beim dauernden Zeitdruck passt man irgendwann nicht mehr auf die vielleicht aggressiven Gesten auf, die man macht, sie werden nicht mehr hinterfragt. Deshalb ist es überaus wichtig, dass die Pfleger gut ausgebildet sind, um das zu erkennen und dem vorzubeugen und deshalb kämpfen wir für die Aufwertung des Berufs. Gewaltfreie Kommunikation und Deeskalationsstrategien müssen immer und immer wieder trainiert werden.

Wichtig ist auch, dass die Pfleger Krankheitsbilder erkennen, die bei jedem anders verlaufen und den Menschen hinter der Krankheit nie aus den Augen verlieren. Wir brauchen in den Pflegestrukturen auf jeden Fall eine bessere Empathiekultur und Zeit, sie auch zu leben, den Patienten zuliebe aber auch den Pflegern selbst, die sich etwa bei Überforderung an jemanden wenden können müssen, um Hilfe zu erhalten. Ohne zu riskieren, dass ihnen aus Fehlern gleich ein Strick gedreht wird. Aus Fehlern lernen können – auch das ist eine Kultur.“



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